Die Deutsche Islam Konferenz zwischen Fortschritt und Fehltritt

Der Koordinationsrat der Muslime (KRM) nimmt das 20-jährige Bestehen der Deutschen Islam Konferenz (DIK) zum Anlass, eine kritische wie konstruktive Bestandsaufnahme vorzunehmen.

Die Deutsche Islam Konferenz, die vor 20 Jahren im Jahre 2006 unter dem damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble ins Leben gerufen wurde, stellt zweifellos einen wichtigen Meilenstein im Verhältnis zwischen Staat und Muslimen in Deutschland dar. Sie hat einen längst überfälligen Dialog ermöglicht und zugleich dem verfassungsrechtlichen Anspruch der Muslime, als selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft sowie als gleichwertige Partner auf Augenhöhe in Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der Teilhabe und der gemeinsamen Verantwortung für Deutschland einbezogen zu werden, eine Plattform gegeben.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind aus der DIK konkrete Impulse und positive Entwicklungen in den Bundesländern hervorgegangen, die zur weitergehenden Beheimatung und Förderung muslimischen Lebens in Deutschland beigetragen haben. Dazu zählen – auch wenn es vielerorts immer noch lediglich modellhafte Pilotprojekte sind – insbesondere die Einführung und Ausweitung des islamischen Religionsunterrichts an staatlichen Schulen, der Aufbau islamisch-theologischer Studiengänge an Universitäten sowie Fortschritte im Bereich der Wohlfahrtspflege und Seelsorge. „Allein diese Beispiele zeigen: Die DIK kann auch weiterhin das Potenzial haben, Plattform und Impulsgeber für Teilhabe, Gleichberechtigung und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sein“, so Laurent Ibra, Sprecher des KRM.

Umso kritischer ist zu beobachten, dass sich der Fokus der Konferenz in den vergangenen Jahren erneut zunehmend auf das Thema „Extremismus“ und sicherheitspolitische Fragestellungen verengt hat und dabei die Stimmen und Mahnungen relevanter muslimischer Akteure und der breiten Basis der Muslime relativiert, gar ignoriert hat. Ohne die Relevanz besagter Themen in Abrede zu stellen, entsteht dabei vielfach der Eindruck, dass Muslime in Deutschland erneut primär im Kontext von Risiken, Prävention und Sicherheitsdebatten betrachtet werden – und nicht als selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft mit vielfältigen gesellschaftlichen Beiträgen und legitimen Anliegen. Gleichzeitig wird auch die Mehrheit der Muslime, die längst Bürgerinnen und Bürger dieses Staates sind, als eine Gefahr adressiert, wobei ihre geleisteten und potenziellen Beiträge für die Gesellschaft negiert werden.

Gerade vor dem Hintergrund wachsender Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Ressentiments, die sich auch darin niederschlagen, dass sich Angriffe auf muslimische Gotteshäuser in den letzten beiden Jahren auf das Vier- bis Fünffache explosionsartig erhöht haben, wäre es dringend geboten, die Perspektive stärker auf die Erfahrungen von Muslimen als Betroffene von Diskriminierung und Rassismus zu richten. Auch praktische Fragen muslimischen Lebens – etwa muslimische Grabfelder, muslimische Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr, Seelsorge in öffentlichen Einrichtungen oder die institutionelle Gleichbehandlung muslimischer Religionsgemeinschaften – können konkrete und konstruktive Arbeitsfelder sein. Aber auch die immensen Probleme in den Sozialsystemen sowie wachsende Zukunftsängste der Menschen erfordern neue Lösungen und das Mitanpacken von allen, wobei Muslime viel beitragen können. Stattdessen geraten diese Themen immer wieder in den Hintergrund, während sicherheitspolitische Diskurse dominieren.

Es braucht daher eine kluge Neuausrichtung. „Die Deutsche Islam Konferenz darf nicht zu einem einseitigen Forum werden, in dem vor allem über Muslime gesprochen wird, anstatt gemeinsam mit ihnen auf Augenhöhe Lösungen zu entwickeln. Ihr ursprünglicher Anspruch war ein anderer: ein Raum für echten Dialog mit muslimischen Gemeinschaften und Stimmen, für Vielfalt und für die gemeinsame Verantwortung gegenüber muslimischen Bürgerinnen und Bürgern“, bekräftigt Ibra.

Es liegt in der Verantwortung der politischen Entscheidungsträger, dieses Potenzial nicht ungenutzt zu lassen. Denn die Zukunft des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Deutschland entscheidet sich auch daran, wie ernsthaft, glaubwürdig und ausgewogen dieser Dialog geführt wird.