´╗┐ KRM - Koordinationsrat der Muslime
2011-08-27
Ansprache des KRM-Sprechers Aiman Mazyek anlńsslich der Einladung zum traditionellen Iftar durch Dieter Kretschmann (GR▄NE), Ministerprńsident von Baden WŘrttemberg
Im Namen Zentralrats der Muslime, aber auch des Koordinationsrates der Muslime (KRM) seiner weiteren Dachorganisationen, der DITIB, des Islamrats, des VIKZ, wünsche ich uns allen ein gesegneten Iftar.

Verehrter Herr Ministerpräsident, wir möchten Ihnen ausdrücklich dafür heute danken, dass Sie im Rahmen der muslimischen Tradition zu diesem traditionellen Iftar eingeladen haben. Wir empfinden dies als eine besondere Wertschätzung und Beleg dafür, dass die Landesregierung einmal mehr ein sichtbares Zeichen des friedlichen Miteinanders von Bürgern verschiedener Religionen setzen will.

Im ganzen Bundesgebiet finden auch in diesem Jahr unzählige Feiern und Veranstaltungen statt, zu denen in den Gemeinden und Religionsgemeinschaften unsere Freunde und Nachbarn eingeladen werden, um mit uns zu feiern. Der Ramadan und das Ramadanfest ist gerade dort ein sichtbares Zeichen des friedlichen Miteinanders unserer Bürger unterschiedlicher Konfessionen und Kulturen.

Gerade in den vergangenen Wochen von Ramadan, wo meist die Moscheen voller sind als sonst; wo die muslimischen Familien mit Kind und Kegel gemeinsam das Iftar – das Fastenbrechen – begehen, wo sie sich dann schließend zum traditionelle Tarawih-Gebet einfinden und wo sie, wie der Prophet es vorgelebt hat, insbesondere in diesem für Muslime heiligen Monat für Arme und Hungernde spenden und ihre Pflichtabgabe - die Zakkat - entrichten, wird deutlich: wie wichtig bürgerschaftliche und religiöse Engagement der über 2500 muslimischen Gemeinden in unserem Land ist.

Der Großteil der Muslime in Deutschland ist laut einer Studie übrigens religiös und dabei toleranter als manch landläufiges Vorurteil. Für Offenheit gegenüber allen Religionen hätten sich 86 Prozent der Muslime ausgesprochen. Dies ergab eine vor etwa drei Jahren vielbeachtete Sonderstudie „Muslimische Religiosität in Deutschland" der Bertelsmann-Stiftung. Zu ähnlichen Ergebnissen ein Jahr zuvor kam eine vom Bundesinnenministerium vorgelegte Studie über Radikalisierungspotenzialen deutsche Muslime in der sie feststellt, dass rund 85 Prozent der hier lebenden Muslime mit den religiösen Toleranzgeboten unserer Verfassung übereinstimmt, also nicht weniger als im Rest der Gesellschaft.

Insgesamt sind der Bertelsmann- Studie zufolge 90 Prozent der Muslime hierzulande religiös, 41 Prozent von ihnen sogar hochreligiös. Nur fünf Prozent bezeichneten sich als „nicht religiös“. Zum Vergleich: In der gesamtdeutschen Bevölkerung bezeichneten sich nur 70 Prozent als religiös und 18 Prozent als hochreligiös.

Die religiöse Betreuung übrigens leisten die Moscheen Tag für Tag, seit vielen Jahrzehnten, eigenfinanziert ohne einen Cent aus öffentlicher Hand und oft auch noch größtenteils ehrenamtlich. Man könnte meinen, dass diese Aktivitäten im Stillen ablaufen, weil sich das öffentliche Interesse dafür kaum interessiert. Doch sie bilden wie das dort angebotene fünfmal tägliche Gebet den Humus islamischen Lebens in Deutschland.

Und noch was wird insbesondere auch beim anschließenden Ramadanfest, welches vor einigen Tagen stattfand, deutlich: Die Moscheegemeinden sind viel bunter als allgemein angenommen, dort nutzen sogenannte liberale, orthodoxe bis stockkonservative Gläubige seit Jahren die vielfältigen religiösen Angebote der Gemeinden: Ob das nun das Freitagsgebet ist, einem Gespräch nach dem Tarawih-Gebet bei einem Glas Tee im Gemeindezentrum , das Vorbereitungsprogramm für die alljährliche Pilgerfahrt nach Mekka oder eben der Festgottesdienst zum Ramadanfest (arabisch: Idul Fitr, türkisch: Ramazan Bayramı).

Verehter Herr Ministerpräsident Kretschmann, verehrte MinsisterInnen, verehrte Damen und Herren,
zwar haben die Muslime angesichts der schrecklichen Hungerkatastrophe in Afrika meist zu Spenden für die Bedürftigen in Somalia und Äthiopien gesammelt, aber es gibt darüber hinaus die Tradition des „Zakkat-und Fitr“ - Armenabgabe zum Fastenbrechen - welche vorrangig für die Bedürftige in der unmittelbaren Nachbarschaft gilt. Nutznießer dieser sozialen wie religiösen Zuwendung sind dabei theologisch gesehen nicht nur Muslime alleine. Der diesjährige Mindestsatz beträgt - so haben das die muslimischen Religionsgemeinschaften festgelegt - 7 Euro pro Kopf, was z.B. heißt, dass eine fünfköpfige Familie mindestens 35 Euro für Bedürftige direkt an Arme entrichtet. Die Verteilung erfolgt durch die örtliche Moschee.

Der islamische Glaube erzieht also bei richtiger Anwendung, zu sozialen, solidarischen und bürgerschaftlichen Verhalten und macht die Gläubigen ausgeglichener und auch toleranter gegenüber anderen Religionen. Dies ist kein Wunschdenken von mir, sondern dies belegen, wie eben gezeigt, seriöse Umfragen und beschreibt größtenteils den Alltag der muslimischen Gemeinden hierzulande. Religiosität als zivilgesellschaftliche Ressource nicht zuletzt auch für den Integrationsprozess sollte zukünftig also ernster genommen werden.
   

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